Der Film, den du für Realität hältst
Der Film, den du für Realität hältst
Hast du schon einmal bemerkt, was passiert, wenn du vollkommen in einen Film eintauchst?
Für eine Weile vergessen wir uns selbst. Wir werden von der Geschichte auf der Leinwand mitgerissen. Der Körper reagiert, als wäre das, was dort geschieht, Wirklichkeit.
Hast du schon einmal bemerkt, was passiert, wenn du vollkommen in einen Film eintauchst?
Für eine Weile vergessen wir uns selbst. Wir werden von der Geschichte auf der Leinwand mitgerissen. Der Körper reagiert, als wäre das, was dort geschieht, Wirklichkeit.
Wir fühlen Angst, Spannung, Traurigkeit, Freude, Erleichterung oder Liebe. Tränen steigen uns in die Augen. Die Brust zieht sich zusammen, der Atem stockt, ein Zittern geht durch den Körper.
Für diesen Moment sitzen wir nicht mehr einfach nur auf dem Sofa und schauen einen Film, sondern wir sind mitten in der Geschichte. Psychologisch haben wir die Leinwand betreten. Und ganz genau so funktioniert unser Ego.
Wir Menschen erleben das Leben selten unmittelbar. Stattdessen leben wir in einer Geschichte über uns selbst - einer Geschichte darüber, wer wir glauben zu sein. Und dabei haben wir vollkommen vergessen, wer wir in Wirklichkeit sind: unser wahres Wesen.
Woher kommt diese Geschichte eigentlich? Und wie entsteht sie?
In den ersten Jahren unseres Lebens machen wir Erfahrungen. Und diesen Erfahrungen geben wir unbewusst Bedeutung. Nach und nach kreiert sich daraus unsere Identität - die Person, für die wir uns halten. Für manche wird daraus: „Ich bin nicht genug.“ „Mit mir stimmt etwas nicht.“ „Ich bin nicht liebenswert.“ „Es wird nicht gut ausgehen für mich.“ „Ich bin nicht frei, ich selbst zu sein.“ Oder unzählige andere Geschichten dieser Art. Was auch immer die jeweilige Geschichte ist - sie wird zur Realität, in der wir leben. Ohne es zu bemerken, beginnt sie, das Drehbuch unseres Lebensfilms zu schreiben. Und dann leben wir in diesem Film, als wäre er die Realität. Aus diesem Film heraus schauen wir auf die Welt. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen sie durch die Perspektive unserer Geschichte. So erscheint uns das Leben voller Probleme, Gefahren, Wünsche, Erfolge und Enttäuschungen. Wir erleben uns als getrennt vom Leben und versuchen ständig, jemand anders zu werden als der, der wir bereits sind.
Ist diese Identität erst einmal entstanden, beginnt sie, sich selbst aufrechtzuerhalten. Sie tut das auf zwei Weisen. Sie richtet den Blick zurück und erinnert sich an die Vergangenheit. Und sie richtet den Blick nach vorn und entwirft Zukunft - durch Hoffnung, Angst, Erwartungen und Vorstellungen darüber, was kommen könnte. Doch diese Zukunft entsteht nicht neu. Sie ist die Vergangenheit, die sich in immer neuen Varianten fortsetzt. Und so verewigt sich die Identität, ohne dass wir es bemerken. Beide Bewegungen geschehen nicht im gegenwärtigen Moment. Das Leben findet immer nur jetzt statt. Doch unsere innere Welt bewegt sich unaufhörlich zwischen erinnerter Vergangenheit und einer Zukunft, die aus genau dieser Vergangenheit hervorgeht. Wie Peter Crone sagt: „Wir erschaffen unsere Zukunft nicht. Wir erinnern sie.“ Dabei erzählt die innere Geschichte unaufhörlich weiter. Sie interpretiert, bewertet und sucht ständig nach Bestätigung für das, was sie ohnehin schon glaubt. So hält sich der Film selbst am Leben. Er läuft nicht nur gelegentlich. Er läuft ununterbrochen im Hintergrund - wie ein Fernseher, der niemals ausgeschaltet wird.
Wir können das buchstäblich bei vielen Menschen beobachten. Der Fernseher läuft. Das Radio läuft. Manchmal sogar beides gleichzeitig. Musik füllt jede Stille. Kaum entsteht ein freier Moment, wird er sofort wieder gefüllt. Wir greifen zum Handy, scrollen durch Instagram, schauen nach neuen E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten. Das Äußere macht nur sichtbar, was innerlich permanent geschieht. Auch dort wird jeder freie Moment sofort wieder gefüllt. Es gibt immer was zu kommentieren, interpretieren, erinnern, vergleichen, bewerten, vorauszuplanen oder sich Sorgen zu machen. Der Film kommt nie wirklich zum Stillstand. Und deshalb bemerken wir gar nicht, dass wir uns vollständig in ihm verloren haben. Wir leben ihn, ohne zu wissen, dass wir ihn leben. Wir erkennen nicht, dass wir im Film gefangen sind, weil dieser Film die einzige Realität ist, die wir kennen.
Eine der Geschichten, aus denen sich meine Identität geformt hat, lautete: „Es wird nicht gut ausgehen für mich.“ (I’m not gonna be okay.) Solange diese Geschichte unbewusst wirksam war, richtete sich meine ganze Aufmerksamkeit fast ununterbrochen auf die Zukunft. Sie suchte ständig nach Beweisen dafür, dass sie wahr ist. Mögliche finanzielle Schwierigkeiten, Herausforderungen in Beziehungen, Angst vor Krankheit, Verlust, Unsicherheit oder unzählige Worst-Case-Szenarien - alles diente als Beweis dafür, dass es tatsächlich nicht gut ausgehen würde. Dabei ging es nie um das, was in diesem Moment tatsächlich geschah. Es ging immer um das, was mein Ego befürchtete, was geschehen könnte. Die Zukunft war nie wirklich Zukunft. Sie war Vergangenheit in neuer Verkleidung. Genau deshalb hielt dieser Mechanismus ununterbrochen Ausschau nach Bestätigung. Doch er versucht nicht, uns das Leben schwer zu machen. Im Gegenteil. Er versucht, uns zu schützen, denn genau dafür wurde er geschaffen. Er versucht vorherzusagen, sich abzusichern und zu verhindern, dass etwas schiefgeht. Und genau dadurch hält er die Geschichte aufrecht. Er verewigt die Vergangenheit, indem er sie immer wieder in die Zukunft projiziert. Unaufhörlich flüstert er: Pass auf. Sei wachsam. Es könnte was schiefgehen. Sei vorbereitet. Kontrolliere. Sorge vor. Geh auf Nummer sicher. Seine Aufgabe ist es nicht, uns leben zu lassen. Seine Aufgabe ist es, unser Überleben zu sichern.
Genau dieser Überlebensmechanismus nimmt unsere Erfahrung nicht neutral wahr. Ganz automatisch filtert er, sortiert aus und hebt hervor. Sein Blick richtet sich immer auf das, was zu fehlen scheint, oder auf das, was anders sein sollte, als es ist. Und dabei übersieht er alles, was längst da ist. Wenn wir uns mit unserer Geschichte identifizieren, beginnen wir auf eine Zukunft zu reagieren, die noch gar nicht existiert. Wir leben in einer erwarteten Gefahr und beschäftigen uns mit Bedrohungen, die nur im Film existieren. Doch dieser Film bleibt nicht auf unsere Gedanken beschränkt. Leben wir lange genug in einer solchen Geschichte, hinterlässt sie Spuren in unserem Körper. Wachsamkeit, Anspannung und das ständige Ausschauhalten nach möglicher Gefahr zeigen sich mit der Zeit als Erschöpfung, Schlafstörungen, innere Unruhe, körperliche Symptome und sogar Krankheiten. Nicht weil der Körper gegen uns arbeitet, sondern weil er die innere Wirklichkeit widerspiegelt, in der wir über Jahre gelebt haben.
In meinem eigenen Leben zeigte sich das über viele Jahre unter anderem in Schlafstörungen. Dabei ging es nie um den Schlaf selbst. Er war lediglich die sichtbare Oberfläche. Darunter wirkte unaufhörlich die Geschichte: „Es wird nicht gut ausgehen für mich.“ Aus ihr entstand ganz natürlich die unbewusste Erwartung, dass jeden Moment etwas schiefgehen könnte. Und genau diese dauerhafte Wachsamkeit fand schließlich ihren Ausdruck im Körper - als Schlafstörungen.
Die Natur des Lebens ist Ungewissheit. Das Ego erlebt diese Ungewissheit als Unsicherheit. Die Seele erlebt dieselbe Ungewissheit als unendliche Möglichkeit. Was das Ego als Gefahr erlebt, ist nur für das Ego bedrohlich - nicht für unser Leben. Oder wie Peter Crone sagt: „Wenn es nicht lebensbedrohlich ist, dann ist es ‚nur‘ Ego-bedrohlich.“
Und genau das ist unglaublich anstrengend. Über viele Jahre trug ich eine Art innere Rüstung, deren Gewicht so vertraut geworden war, dass ich es nicht bemerkte. Es war meine Normalität. Die Wachsamkeit, das ständige Vorausdenken, die subtile Anspannung, das unaufhörliche Pendeln zwischen Vergangenheit und Zukunft, der Versuch, mich abzusichern und zu schützen - all das kostete enorme Mengen an Lebensenergie. Was wir als Stress, Angst, Überforderung oder innere Unruhe erleben, entsteht nicht durch unser unmittelbares Erleben im Moment. Es entsteht durch die Perspektive, aus der heraus wir dem Leben begegnen - durch die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen. Und genau darin liegt die Quelle unseres menschlichen Leidens. Solange wir uns mit unserer Geschichte identifizieren, reagieren wir unbewusst aus ihr heraus. Erst wenn wir erkennen, dass wir nicht diese Geschichte sind, wird es möglich, dem Leben bewusst zu antworten.
Schmerz gehört zum menschlichen Leben dazu. Leiden beginnt dort, wo wir vergessen haben, wer wir wirklich sind, und uns für die Person halten, die wir durch Prägungen, Konditionierung und unsere Lebensgeschichte geworden sind. Daran ist nichts falsch. Es ist Teil unserer menschlichen Entwicklung. Wir vergessen, wer wir wirklich sind, und verlieren uns im Film. Und irgendwann beginnt etwas in uns, sich zu erinnern. Und damit beginnt all das wegzufallen, was wir nicht sind, und zum Vorschein kommt das, was schon immer da war.
In dem Moment, in dem wir den Film als Film erkennen, entsteht Raum. Nicht als Trennung zwischen Bewusstsein und dem Film, sondern als das Erkennen, dass der Film lediglich ein Phänomen ist, das innerhalb des Bewusstseins auftaucht. In diesem Raum zeigt sich unmittelbar, was die ganze Zeit da war. Nicht das gepanzerte Selbst, das versucht zu überleben. Nicht die ängstliche Identität, die unaufhörlich mit dem Leben verhandelt. Sondern unser tieferes Sein: still, offen und unberührt. Je mehr die Identität ihre Selbstverständlichkeit verliert, desto natürlicher zeigen sich Offenheit, Neugier und kreativer Fluss. Nicht als Anstrengung oder persönliches Bemühen, sondern als ganz natürlicher Ausdruck unseres tieferen Seins.
Die Analogien, Einsichten und Erkenntnisse, die während des Schreibens dieses Emerald Diamond Letters entstanden sind, habe ich nicht erfunden. Sie sind ganz natürlich in Präsenz entstanden. Es geht nicht darum, innerhalb des Films zu einer besseren Version unserer selbst zu werden. Es geht darum, zu erkennen, dass das, was wir für uns selbst gehalten haben, nie unsere wahre Natur war.